Bin ich wirklich frei?

Gemütlich setze ich mich an den Schreibtisch und beantworte E-Mails. Manchmal um 8 Uhr, meist um 9. Die Heizung steht auf 2, frieren geht morgens gar nicht. Kaffee mache ich mit einer French-Press-Maschine, ganz ohne Technik oder Aufschäumer oder Soja und meinen eigenen Namen muss ich mir auch nicht zurufen. So kann man stressfrei in den Tag starten.

Seit Mitte Oktober bin ich wieder Studentin und Selbstständige. Nach einem Jahr Festanstellung genieße ich die Flexibilität, mir meine Zeit frei einzuteilen, aufzustehen, wann ich will (auch wenn ich um 10 Uhr jedes Mal ein schlechtes Gewissen habe) und manchmal donnerstags schon das Wochenende einzuläuten. „Freu dich darüber, das bekommst du nie wieder.“ Diesen Satz habe in der letzten Zeit so oft gehört und ich muss sagen: Das tue ich.

Es macht Spaß, selbst zu bestimmen, wann ich arbeite und was für die Uni mache, wann ich einkaufen und zum Arzt gehe, wann ich für zwei Stunden keine Lust mehr habe und einfach eine längere Pause mache und wann ich abends einen Energieschub habe und bis 2 Uhr nachts fleißig bin.

Trotzdem es ist nicht so einfach wie es sich anhört. Seit Semesteranfang herrscht eine Doppelbelastung. Ich habe Kurse in der Uni und arbeite nebenbei, das ist manchmal stressig und überfordernd. Zudem fehlen mir meine Kollegen: Teamspirit ist ein wesentlicher Bestandteil eines festen Jobs. ‚Wir machen den Job gemeinsam, geben uns Mühe und lernen voneinander.‘ Das fällt weg, wenn man nicht mehr jeden Tag ins Büro geht.

Außerdem bedarf das „frei sein“ einer großen Organisation und Selbstdisziplin. Die To-Do-Listen häufen sich, Dozenten wollen die Hausaufgaben pünktlich zugeschickt bekommen (unfassbar: In meinem Kalender stehen wieder Abkürzungen wie „HA“). Flexibilität hat eine Kehrseite: Jetzt heißt es nicht mehr, von 9-to-5 ins Büro zu gehen und danach Feierabend zu haben. „Feierabend“… dieses Wort kommt mir vor wie eine Insel, die ich – solange ich studiere und frei arbeite – nie erreichen werde. Das ist schon merkwürdig: Ich bin frei und kann trotzdem nicht alles haben.

„Oft ist es für Studenten besser, wenn sie schon mal fest gearbeitet haben“, sagt der Soziologe Bernd Vonhoff. Sie seien motivierter, ihren Abschluss zu machen und vor allem besser organisiert als jene, die gerade aus der Schule kommen. „Die meisten Rückkehrer haben ein klares Motiv, wieder zu studieren. Deshalb trödeln sie nicht so rum.“

Mein Studiengang ist so aufgebaut, dass man nach einem Jahr fester Arbeit noch einmal ein Bachelor-Jahr dranhängen muss. Zwar freuen sich die meisten meiner Kommilitonen genauso wie ich, wieder flexibler zu sein, viele sehen die Trennung von Arbeit und Studium aber kritisch. Man werde herausgerissen aus Job und Kollegenkreis, sich durch das Volontariat geöffnete Türen können sich wieder verschließen. Abgesehen von denjenigen, die neben dem Studium weiterhin fest arbeiten (Schlaf ist da wohl nicht so beliebt).

Vonhoff hat also recht: Die meisten von uns sind motiviert, ihren Abschluss zu machen – um danach zurück in den Job zu gehen oder einen Master dranzuhängen. Meistens aber nicht wegen der Studieninhalte sondern weil sie „endlich Geld verdienen“ wollen. „Innerhalb des Jahres der Festanstellung hat sich der eine oder andere vielleicht an einen gewissen Standard gewöhnt“, sagt Vonhoff, der Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Soziologen ist. „Der fällt dann natürlich weg, wenn man kein festes Gehalt mehr bekommt.“

Auch wenn die meisten Volontariate nicht so bezahlt werden, wie beispielsweise Trainee-Programme für Naturwissenschaftler, verstehe ich, was er meint.

Ihr seht: Ich bin zwiegespalten, was die Rückkehr von einem festen Job an die Uni und in die Selbstständigkeit angeht. Doch für mich überwiegt die Freiheit. Nur ist man selbst verantwortlich dafür, ob diese Freiheit auch bedeutet, frei zu sein.

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