#Brexit: Ich hoffe, ihr werdet glücklich!

Liebe Briten,

„Make Great Britain great again“. Verbittert habe ich den abgeänderten Wahlspruch von Donald Trump am Morgen des Referendums getwittert. Darin dürft ihr Wut und Verzeiflung erkennen. Ich frage mich:

Wie konntet ihr euch bloß für den Brexit entscheiden?

Ich hatte Großbritannien bislang eine neutrale Meinung gegenüber. Ich war noch nie dort, es hat sich nie ergeben. London will ich unbedingt kennenlernen. Es soll eine weltoffene, bunte Stadt sein. Sie wird mir gefallen, da bin ich sicher. Schließlich haben 75 Prozent der Londoner gegen den Brexit gestimmt.

Ihr Briten, die bei „Leave“ das Kreuzchen gesetzt habt: Euch, diese 51,9 Prozent, verstehe ich nicht. Mit der Entscheidung, dass euer Land aus der EU austritt, tretet ihr die Werte, die die Generation unserer Eltern so mühselig für uns erarbeitet haben, mit Füßen. Die Welt, in der ich lebe (und leben will), lebt von Offenheit, Multikulti und Zusammenhalt. Nicht von Exits.

Es ist eine Entscheidung, die auf Wut basiert – Wut auf die Politik der Europäischen Union, auf Jean-Claude Juncker, Martin Schulz, Angela Merkel und euren Noch-Premier David Cameron. Entscheidungen, die wir mit Wut oder gar Hass begründen, sind nie durchdacht. Solche, bei denen Populismus eine zentrale Rolle spielt, sind falsch. Denn sie widersprechen den Werten der Freiheit und Gleichheit, sie widersprechen einfach allem, was Europa verkörpert.

Ich bin 24 Jahre alt. Durch Social Media und die Reisefreiheit lebe ich global. Wenn ich in Amerika, Asien oder zuletzt in Israel danach gefragt werde, wo ich herkäme, überlege ich immer mindestens einen kurzen Moment. Deutschland oder Europa? Gibt es da noch so einen großen Unterschied? Klar, die Flüchtlingskrise sorgt für Unruhen zwischen den Ländern in der EU. Deutschland sagt „Ja“, Österreich „Nein“, andere Staaten sagen „Ich weiß nicht“ und das obwohl wir geografisch alle so nah beieinander sind.

Trotzdem glaube ich an das Konstrukt „Union“. Ich bin Deutsche auf der einen Seite: Ich bin gerne pünktlich, mag Sauberkeit, Bier und Kartoffeln. Ich bin Europäerin auf der anderen Seite: Ich passe mich gerne anderen Kulturen an und komme nach spanischer Art 20 Minuten zu spät, mag das Chaos, Sangria und Pasta Italiana. Es gibt nichts Schöneres als Vielfalt. So – und ich denke, da spreche ich für Viele aus meiner Generation – bin ich aufgewachsen: mit der Gewissheit, dass ich in Europa Gleichgesinnte finde. Dass ich reisen kann, wohin ich will, arbeiten dort, wo ich will, dass ich dafür kein Visum brauche, dass ich Freunde jeder Nationalität finde und mit ihnen Seite an Seite stehe. Der amerikanische Traum, bloß in Europa. Dafür steht die Europäische Union schließlich: Zusammenhalt.

„Let Europe arise“, sagte Winston Churchill im Jahr 1946 vor einer Reihe von Studenten. Der Krieg war gerade erst zu Ende, da sprach der Brite davon, Frankreich und Deutschland müssten zusammen halten. Großbritannien, Amerika und Sowjetrussland „sollen die Freunde und Förderer des neuen Europa sein und dessen Recht zu leben und zu leuchten beschützen.“ Dann würde alles gut werden, sagte er noch. Wie kommt ihr dazu, ausgerechnet diesem Mann widersprechen zu wollen?

Ich bin mir sicher, ihr hattet eure Gründe, nicht mehr an den Zusammenhalt der EU zu glauben: die Angst vor zu vielen Flüchtlingen, den Wunsch zur Stärkung eurer Identität, bla bla bla. Doch anstatt dafür zu kämpfen, dass Brüssel euch anhört und eure Forderungen anerkennt, seid ihr feige und egoistisch (!!!) und kehrt Europa den Rücken zu. (Einige Social Media-Nutzer schreiben „EU ist nicht Europa“. Für mich ist es das in gewisser Hinsicht.)

Glaubt bitte nicht, dass wir uns jetzt als die Ausgestoßenen fühlen. Wir trauern um euch, das ist richtig. Ich trauere um vor allem um eure Werte – und gebe die Sorge zu,  dass andere Staaten nachziehen. Bis dahin aber wird Großbritannien der neue Außenseiter sein. Ich hoffe, ihr werdet glücklich.

Beitragsbild: Christian Woop

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