In Anzug und Krawatte zum Netflix-Junkie

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Quelle: privat

Für das Format „Zwei Stunden Zeit“ bei der Pflichtlektüre tun wir ständig etwas zwei Stunden lang. Ich habe Binge Watching bei Netflix gemacht. Die Uhr läuft, los geht’s.

Schnelldurchlauf

Nennt mir eine Netflix-Serie, ich kenn‘ sie alle: The Blacklist, White Collar, Gilmore Girls, Gossip Girl, New Girl, House of Cards, Orange is the new Black, Pretty Little Liars… kein Genre kommt an mir vorbei. Aktuell bin ich zwei attraktiven Männern im Anzug verfallen: Ich gucke Suits. Es löst immer eine Vorfreude in mir aus, wenn ich nach Hause komme und es noch nicht zu spät ist für eine Folge oder mehr mit Harvey Specter. Er ist einfach ein guter Anwalt, so wortgewandt und im Team mit seinem Kollegen Mike Ross kann er sogar Herz zeigen.

Eine Folge von Suits dauert 40 Minuten. 120 geteilt durch 40 sind drei. Also gucke ich heute drei Folgen. Dabei trinke einen verhipsterten Apfel-Ananas-Spinat-Smoothie, der so nach 30 Minuten futsch ist. Und ich lackiere mir die Nägel. Die sind nach 50 Minuten fertig und nach 54 Minuten zerstört, weil die Schlipsträger irgendwas Spannendes gemacht haben und ich darüber die nicht trockenen Nägel vergaß, als ich ihnen beide Daumen drückte. Was soll’s, es bleiben ja noch 64 Minuten, um von vorne anzufangen.

Kurzweilig

Drei Folgen bedeuten drei Cliffhanger, dreimal bingen, dreimal darüber nachdenken, ob das jetzt eigentlich süchtig macht oder nicht – aber kann ja gar nicht, weil dafür hört man zu oft „Was ist dein Hobby? Netflix“, obwohl kann ja doch – und dreimal die Sorge wegschieben und sich von neuem auf die fremde Welt einlassen.

Langatmig

Der Playbutton ist für mich wie für Raucher die Zigarettenschachtel, ihn zu drücken wie für sie, das Feuerzeug zu entzünden. Es ist eine spannende Szene. Der Smoothie ist längst leer, trotzdem ziehe ich den letzten Rest Apfel-, Ananas-, Bananen- und Spinatpüree durch den Strohalm. Solange bis nur noch alte Spucke hochkommt, solange bis die Spannung rundum Harvey und Mike sich aufgelöst hat. Manchmal geht das schnell, heute ziehen sich die Minuten ewig.

Ich fühle mit Serienfiguren mit. Ich weine, trauere, freue mich, bin aufgeregt und wütend, wenn sie es sind – zumindest die, mit denen ich sympathisiere. Nachdem McDreamy bei Grey’s Anatomy gekillt wurde, habe ich mich gefragt, warum ich mich mit unrealen Charakteren so verbunden fühlen kann. Spiegel Online wusste die Antwort: Es nennt sich parasoziale Beziehung. Medienwissenschaftler Andreas Dörner bezeichnet in dem Spiegel-Interview „eine mediale Beziehung, die so funktioniert, als hätte man eine reale soziale Beziehung“ als parasozial. „Ein Serientod schmerzt dann wie der Tod eines nahen Angehörigen. Solche parasozialen Rezeptionsformen sind gerade bei Langzeitserien nicht selten“. Verrückt, aber verständlich. Und beruhigend allemal, wenn man dem nächsten Serientod ins Auge sieht.

Nun stirbt bei Suits eigentlich selten jemand. Trotzdem können die Macher Spannung aufbauen like fuck. Ich schicke meiner Schwester eine WhatsApp. Sie antwortet nicht, trotzdem ahne ich, dass es ihr bei der Szene genauso ging wie mir jetzt. Als ich von meinem Smartphone hochgucke, sehe ich den Abspann laufen. Verdammt! Jetzt war ich so aufgeregt, dass ich den Cliffhanger verpasst hab. Also nochmal zurückspulen.

Momentaufnahme (Achtung, Spoiler!!!)

Bildschirmfoto 2016-07-11 um 20.26.40

Zeit um

Was eine Aufregung zum Finale der vierten Staffel. Wahnsinn. Zwei Stunden, drei Folgen, einen Smoothie und zwei Lackiervorgänge später, bin ich müde, aufgeregt und amüsiert – vor allem über mich selbst. Laut einer Studie der Florida State University schaffen 60 Prozent der befragten Studierenden weniger für die Uni, weil sie regelmäßig Binge Watchen. Manchmal denke auch ich darüber nach, wie sauber meine Wohnung sein könnte, wie viel Sport ich hätte machen können oder wie viel ich wissen könnte, wenn ich jedes Mal den Playbutton auf Pause gelassen hätte.

Aber wenn ihr mich nach meinen Hobbies fragen würdet, wäre eine Antwort darauf immer: Netflix. Und ein Hobby wird nunmal nach seiner Regelmäßigkeit definiert. Also, fröhliches Bingen!

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