Literatur: Refugees welcome?

So lange wie das Burka-Verbot die innenpolitische Debatte in Deutschland schon bestimmt, muss man denken, der Vollschleier hätte die Schlaghose als Modesünde des Sommers 2016 abgelöst. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich kürzlich zum möglichen Burka-Verbot ein und meinte, eine voll verschleierte Frau hätte in Deutschland kaum eine Chance, sich zu integrieren. Burka gleich Integrationspleite. Ihr Innenminister, Thomas de Maizière, nannte das Tragen einer Burka oder eines Niqabs ein „Affront gegen die offene Gesellschaft und zudem frauenfeindlich“. Mit seinen Amtskollegen von CDU und CSU will er deshalb das Tragen einer Burka etwa am Steuer, bei Behördengängen oder in Universitäten verbieten. Mit nahezu der gleichen Dringlichkeit müsste man ein Flugverbot für Fernbusse diskutieren. Man mag sich nicht vorstellen, wenn ein voll besetzter Bus mit einer ebenso vollen Passagiermaschine zusammenstoßen würde. Nur, dass bisher eben keine fliegenden Busse gesichtet wurden – genauso wie in deutschen Standesämtern oder Hauptseminaren partout keine Burka-Trägerinnen auftauchen.

Während die einen mit Vollschleiern notdürftig das Sommerloch zudecken, hat sich das Wissenschaftler-Ehepaar Marina und Herfried Münkler wirklich wichtigen Fragen der Integrationsdebatte gewidmet. Der Literaturwissenschaftlerin von der TU Dresden und dem politischen Theoretiker aus Berlin ist mit „Die neuen Deutschen“ ein profundes Werk gelungen, das mit der Burka-Diskussion nur den Startpunkt gemeinsam hat: der Islam als vermeintliches Haupthindernis für Integration. Die Autoren zeigen auf mehr als 300 Seiten langfristige Perspektiven zu der Krise auf, die Deutschland seit Herbst 2015 spaltet, und geben dezidierte Handlungsanweisungen für Politik, Wirtschaft und Bürger. Sie führen den Diskurs heraus aus der deutschen Manier des Abwartens und fragen, wie eine kluge Integration die Zukunft der Bundesrepublik beeinflussen könnte – klug nach ihrem Verständnis jedenfalls.

Das Buch beginnt mit dem Zitat von Bertolt Brecht, der Flüchtling sei ein „Bote des Unglücks“. Im vergangenen Jahr ist mehr als eine Million solcher Boten in dieses Land gekommen, Münkler und Münkler bezeichnen das nicht als Unglück. Im Gegenteil sehen sie die Deutschen mit einer Pascal‘schen Wette konfrontiert. Das Gedankenexperiment, benannt nach Blaise Pascal, einem französischen Philosophen des 17. Jahrhunderts, produziert eine bestechend einfache Lösung für ein komplexes Problem. In Zeiten, in denen die Europäer noch so fromm waren wie heute viele Flüchtlinge, rang Pascal mit dem Gedanken, wie man den Glauben begründen kann, wenn die Existenz Gottes unbeweisbar bleibt. Pascal drehte die Frage um: Was gewinnt einer denn, wenn er die Nichtexistenz Gottes postuliert und damit richtig liegt? Nichts. Er stirbt wie alle anderen. Liegt er aber falsch, droht ihm ewige Verdammnis. Und was gewinnt Deutschland, wenn Flüchtlinge beleidigt, ihre Unterkünfte angezündet, ihre Integration vermasselt wird? Nichts. Denen, die bereits da sind, Brücken in die Mehrheitsgesellschaft zu bauen und zu fordern, dass sie sie auch überqueren, ist die einzige Politik, die Flüchtlinge zu Neubürgern machen kann. Schon für diese überraschende Riposte gegen Pegida-Hass und AfD-Defätismus lohnt sich das Buch.

Die revolutionären Umbrüche der arabischen Welt haben die Region destabilisiert. Terroranschläge, Bürgerkriege und Menschenrechtsverletzungen sind in vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas an der Tagesordnung. mehr…

Dennoch: Die Furcht mancher Deutschen um Werte wie Sicherheit, Wohlstand und Freiheit ist nicht völlig abseitig. Die Autoren stellen dem aber die Werte der Geflüchteten entgegen: Leben oder Tod. Die Erklärung für das Phänomen der Migration suchen sie in den früheren Jahrhunderten, in denen der Söldner in Richtung Krieg zog und der schlesische Arbeiter ins Ruhrgebiet. Migranten würden seit jeher dahin gehen, wo es Boden, Kapital und Arbeit gäbe.

Die Entstehung des Neuen sei immer „aufs Engste mit dem Ruin der alten Ordnung verbunden, und fast jeder Zugewinn in dem einen Raum ist mit Verlusten in einem anderen verbunden“. So schlagen die Autoren den Bogen zur aktuellen Situation: In Syrien, dem Irak und Libyen herrscht Bürgerkrieg. Islamistische Terrorgruppen wie der „Islamische Staat“ vernichten ganze Städte. Die Menschen fliehen, um ihr Leben zu retten, und lassen oft Familie und Freunde dafür zurück. Sie verlassen die Ruinen der alten Ordnung, um in Europa ein neues Leben anzufangen. Philosophisch betrachtet macht genau das Sinn. Die antitellurische Identität – eine, die nicht an einen Boden gefestigt ist – sei demnach die Lebensform der Zukunft. Das Gefühl von Heimat bezeichnet das Ehepaar Münkler als provinziell. Der Heimat-Begriff ist „out“, schließlich pendeln Menschen tagtäglich zwischen Hamburg und Berlin oder Ruhrgebiet-Rheinland. Und gefühlt jeder dritte Mittzwanziger war schon mal auf Rucksackreise durch Südostasien.

Die Autoren zitieren Martin Heidegger und Gaston Bachelard darin, dass der Verlust von Heimat kein Verlust von Freiheit sei. Sie machen aufmerksman auf die unvorhersehbare Flexibilität, die die heutige Wirtschaft erfordert – aber auch auf die Vorteile, die die Flüchtlingswelle mit sich bringen könnte, wenn die Politik in Berlin Merkels episches „Wir schaffen das“ endlich in erfolgreiche Integration verwandeln würde – statt mit albernen Debatten über Pseudoprobleme ihre knappe Zeit zu vergeuden. Eine gespaltene Gesellschaft bräuchte eine starke Führung, ein gemeinsames Narrativ, das sich nicht nur aus Siegen in der Fußballweltmeisterschaft oder Exporterfolgen speist. Indem Merkel die Grenzen offen und das Fremde hereinließ, zwang sie die Deutschen dazu, ihre eigene Identität zu hinterfragen: Bin ich deutsch oder europäisch? Bin ich religiös und wenn ja, wie offen bin ich für andere Religionen?

Die sogenannte deutsche Identität ist schon heute völlig ambivalent: Deutschland sieht sich laut den Münklers noch immer als ethnisch einheitlich sowie christlich geprägt, obwohl jährlich Hunderttausende Menschen aus der Kirche austreten. Sie analysieren das größte Problem der Integration, vor der Merkel und ihre Kollegen noch immer zurückschrecken: Weil ein Teil der Flüchtlinge keine Aufenthaltsgenehmigung bekommt, jedoch aufgrund fehlender Papiere nicht abgeschoben werden kann, entsteht eine Gettoisierung, in der die Migranten anfällig für Kriminalität und somit zur Gefahr der inneren Sicherheit werden. Ein Paradox unseres Rechtsstaats, das auch dem Attentäter von Ansbach seine Terrortat ermöglichte. Der 27-Jährige sollte nach Bulgarien zurückkehren, die Abschiebung zog sich hin. Dann sprengte er sich in die Luft.

Es ist ein teurer Vorschlag, den die Autoren hier unterbreiten: Jeder Flüchtling soll so integriert werden, als bliebe er auf jeden Fall in Deutschland. Viele Skeptiker werden hier die hohen Integrationskosten beklagen, doch in „Die neuen Deutschen“ gelten diese als Investition in die Zukunft. Die Handlungsanweisungen, die nötig wären, um eine gute Integration in Gang zu setzen, reichen von einer Schulreform über die begrenzte Regulierung des Arbeitsmarkts bis hin zu der Herausforderung, spontan und initiativ an die Krise heranzugehen. Münkler und Münkler sprechen mit diesem Programm gezielt die Zivilgesellschaft an, obgleich der Bürger viel mehr Lob erntet als Politik und Wirtschaft.

An den Bahnhöfen zu stehen und „Refugees Welcome“ zu rufen reiche trotzdem nicht aus. Engagement in örtlichen Vereinen oder Nachbarschaftsdienste seien jetzt gefragt – vor allem aber Durchhaltevermögen. Wieder taucht die Frage der deutschen Identität auf, worauf ein Entwurf einer Utopie des „neuen Deutschen“ folgt: Dieser sorgt für sich und seine Familie und bekennt sich zum Grundgesetz. Zudem respektiert er, dass Themen wie Partnerwahl oder der Glauben an Religion und dessen Praxis individuelle Privatsache sind. Aus dem Sex und dem Gebet des Nachbarn hat sich der neue Deutsche also herauszuhalten.

Die zentrale Botschaft: Ein jeder Bürger kann Deutscher werden, ein Deutscher und ein Syrer – „auch wenn nicht jeder dies wollen und nicht jeder es schaffen wird“. Es geht laut Marina und Herfried Münkler vor allem um das Selbstbild der deutschen Gesellschaft sowie ihr politisches und kulturelles Selbstverständnis. Implizit könnte das heißen, die Krise drehe sich genauso um die alten wie um die neuen Deutschen. Der Titel „Ich, der neue Deutsche“ wäre dem Buch aber bei weitem nicht gerecht geworden.

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