Was zur Hölle mache ich nach dem Bachelor?

Den Bachelor (fast) in der Tasche, heißt es: Was kommt jetzt? Diese Frage habe ich mir gestellt, weil ich mich einfach nicht entscheiden konnte zwischen Master, Selbstverwirklichung und Co. Ein Problem meiner Generation.

Wenn etwas zu Ende geht, denkt man an den Anfang, heißt es. Oder man denkt daran, wie es um Himmels Willen weitergehen soll. So erging es mir Anfang des Jahres, als ich angefangen habe, meine Bachelorarbeit zu schreiben und so ergeht es vielen jungen Menschen, die den ersten Grad ihrer akademischen Bildung, den Bachelor schon abgeschlossen haben. Drei, vier Jahre gepaukt, für Klausuren gelernt, Hausarbeiten geschrieben und sich mit anstrengenden Dozenten auseinandergesetzt. Und wofür? Dass man ähnlich wie nach dem Abitur nicht weiß, was die Zukunft bringt oder was die Zukunft bringen soll oder was sie bringen kann – als befände man sich in einer Art Limbo, also in einem Schwebezustand.

Es ist wieder einmal das Problem unserer Generation. Wir leben seit jeher nach dem Maßstab, wir könnten den Job unserer Träume an einem beneidenswerten Ort finden, ihn durch Work-Life-Balance mit einer romantischen Liebesbeziehung kombinieren und nebenher die Welt retten. Gleichzeitig ist ständig die Rede von „High Potentials“ oder „Overachievern“, den Leistungsträger*innen unserer Gesellschaft. Das setzt uns unter Druck. Es reicht eben doch nicht, uns nur selbst zu verwirklichen.

Die Soziologin Anna Wanka beschäftigt sich seit Jahren mit der Generation Y und dessen Zukunftsängsten. Sie meint, diese Post-Bachelor-Limbo-Sorgen lägen unter anderem daran, dass der Bachelor als Abschluss an sich Orientierungslosigkeit schaffe, „weil er weder gesellschaftlich noch individuell einen bestimmten Weg vorgibt“.  Man sei zwar Akademiker*in, irgendwie aber nicht vollständig, was viele Arbeitgeber skeptisch stimme. Tatsächlich beschäftigten im Jahr 2010 nur 13,2 Prozent aller Unternehmen in Deutschland Bachelor-Absolventen.

Wanka nennt das „eine ambivalente Zwischenposition in der Gesellschaft“: „Genau hier setzt der Zwang zur Selbstverwirklichung an. Wenn du alles machen kannst, dann wähle doch das, was dich wirklich, wirklich glücklich macht.“ Was das sei und was mir ein besonderes Glücklich-sein beschere – diese Fragen führten wiederum zur Orientierungslosigkeit.

Auch ich bin ins grübeln gekommen, als es um die Frage ging: Was mache ich nach dem Bachelor? Einen Master zu machen, fände ich gut, aber in welchem Fach? Mit einem geisteswissenschaftlichen Studium ist es schwierig, für ein Studiengang politischer oder wirtschaftlicher Richtung zugelassen zu werden. Zweifel kommen auf, ob ich bessere Chancen auf einen politischen Master-Platz hätte, wenn ich einen anderen Bachelor studiert hätte – hätte, Fahrradkette. Ich weiß ja gar nicht, ob ich überhaupt qualifiziert genug bin, mich thematisch und wissenschaftlich zu spezialisieren? Oder doch nochmal ein paar Praktika machen, um zu gucken, ob mich nicht doch was anderes interessiert? Sollte ich nicht vielleicht lieber einen zweiten Bachelor machen? Aber will ich nochmal drei Jahre studieren? Nochmal von vorne anfangen, in ein neues Thema einfuchsen, neue Freund*innen finden? Nein, danke.

Mindestens jede*r zweite Bachelorstudent*in plant, nach seinem Abschluss einen Master zu machen. Besonders entschlossen sind Studenten der Naturwissenschaften. Sozialwissenschaftler ziehen im Vergleich ein Aufbaustudium am wenigsten in Betracht. Viele der rund 1,6 Millionen Bachelorstudent*innen in Deutschland machen nach dem Abschluss jedoch auch Praktika, um unterschiedliche Arbeitsbereiche kennenzulernen oder jobben, um Geld zu verdienen – oder, man glaubt es kaum, sie suchen sich schlicht und weg einen festen Arbeitsplatz.

Es ist ein Teufelskreis. Der Gedanke nicht zu wissen, was die Zukunft bringt, quälte mich wochenlang. Ich sah zu, wie meine Freund*innen Pläne machten, ihre ersten Zusagen für Master-Plätze in fancy Städten wie Amsterdam einsackten oder auf reisen gingen. Viele haben sozusagen mit Backpack auf dem Rücken – die Arme schmerzten noch von der letzten Impfung gegen Denge-Fieber und Co. – die Bachelorarbeit in den Uni-Briefkasten eingeworfen und los ging es.

Eine Freundin einer Freundin hat gerade einen ähnlichen Struggle. Auch sie fühle sich von sich selbst gestresst und ihrer Freudigkeit, sich nicht entscheiden zu können. Kommunikationswissenschaften studiert – „Wow, ich kann dir genau eine Theorie aus der Kommunikationswissenschaft nennen“ – hat sie zumindest einen Plan A: ein Master an einer öffentlichen Uni und am besten noch in einer größeren Stadt. In Leipzig gäbe es beispielsweise „einen coolen PR-Master, mit sage und schreibe 30 freien Plätzen. Also brauche ich locker noch Plan B-Z“, sagt die Freundin und verdreht die Augen.

Dass Studenten*innen in Deutschland überdurchschnittlich gestresst sind, zeigt eine Befragung der Universitäten Potsdam und Hohenheim, in Auftrag gegeben der AOK Gesundheitskasse. Im Vergleich zur Organisation des Alltags oder des unregelmäßigen Lebensstils, den viele Studenten pflegen, sind die allgemeine Zukunftsperspektive sowie die bevorstehende Suche nach einer Beschäftigung nach dem Studium besonders hohe Stressfaktoren. An erster Stelle von „intrapersonellem Stress“, wie es in der Studie heißt, stehen jedoch die eigenen Erwartungen an sich selbst.

Wanka, die hinsichtlich dieses Themas Schicht-Effekte betont – „Selbstverwirklichung ist viel eher Wunsch und Ziel in der (oberen) Mittelschicht als weiter unten in der sozialen Skala“ – rät, sich nicht durch den „Selbstverwirklichungs-Wahn“ unter Druck setzen zu lassen. Man sollte auch nach Optionen suchen, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. Habe man sich dann für etwas, egal ob nun Master, Praktikum oder festen Job entschieden, hieße es auch, zu lernen, Langeweile auszuhalten – und seine Ängste über Bord zu werfen. Schließlich sei die „Akademiker*innen-Arbeitslosigkeit immer noch sehr niedrig“.

Nach vielem Überlegen kam ich zu dem Schluss: Ein Master im Ausland soll es sein. Deshalb heißt es jetzt, Bewerbungen schreiben, die Bachelorarbeit durchziehen und einen viel zu teuren Sprachtest machen. Aber bevor ich mein Leben für weitere zwölf bis 24 Monate dem Pauken verschreibe, will ich erstmal vier Wochen nach Asien reisen, vielleicht Myanmar oder Vietnam. Und die Welt soll erstmal ein*e Overachiever*in retten, der oder die den Bachelor-Was-kommt-danach-Limbo längst überwunden hat.

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