BCN: Woche 1

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Was für ein Start! Seit einer Woche wohne ich (zum zweiten Mal) in Barcelona und alles ist so wundervoll vertraut-neu. Es gibt Straßen, die ich schon ein Dutzend mal entlang gebummelt bin und Gassen, die ich erst heute entdeckt habe. Sechs Jahre, nachdem ich zum ersten Mal hier war, erwische mich abwechselnd beim In-Erinnerungen-schwelgen und dem berühmten Touri-Modus, alles auffangen zu wollen und das meistens mit der Kamera meines iPhones.

Diese erste Woche ist vor allem so herrlich, weil ich erst ab nächsten Dienstag Uni habe: Current Democracies an der Pompeu Fabra, kurz upf. Politische Theorien zu Immigration, Federalism, Dictatorships etc. Darauf freue ich mich, zumal ich hier zum ersten Mal zu den Full-time-Studenten zähle, die voll und ganz die Uni zelebrieren – inklusive Pauken in der Bib, den 70-Cent-Kaffee aus der Mensa trinken oder Ausgehen an einem Wochentag. Btw: Café con leche ist in Spanien auch in der Mensa super.

Bevor es aber so richtig losgeht, nutze ich die Zeit, um anzukommen, Neues zu entdecken und mir Altes ins Gedächtnis zu rufen. Ich bin gespannt, wie das eine Master-Jahr verlaufen wird und welche vergangenen Erlebnisse den Neuen weichen. Das ist ein prima Anlass, hier wieder wöchentlich zu bloggen, und zwar ab sofort mindestens 52 mal. Für jede Barcelona-Woche 🙂 Viel Spaß!

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Xampagneria, Port Vell

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Bibliothek an der upf, so called „Hogwarts“

Galería MAXÓ im Viertel Borne
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Carrer Portal Nou

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Was zur Hölle mache ich nach dem Bachelor?

Den Bachelor (fast) in der Tasche, heißt es: Was kommt jetzt? Diese Frage habe ich mir gestellt, weil ich mich einfach nicht entscheiden konnte zwischen Master, Selbstverwirklichung und Co. Ein Problem meiner Generation.

Wenn etwas zu Ende geht, denkt man an den Anfang, heißt es. Oder man denkt daran, wie es um Himmels Willen weitergehen soll. So erging es mir Anfang des Jahres, als ich angefangen habe, meine Bachelorarbeit zu schreiben und so ergeht es vielen jungen Menschen, die den ersten Grad ihrer akademischen Bildung, den Bachelor schon abgeschlossen haben. Drei, vier Jahre gepaukt, für Klausuren gelernt, Hausarbeiten geschrieben und sich mit anstrengenden Dozenten auseinandergesetzt. Und wofür? Dass man ähnlich wie nach dem Abitur nicht weiß, was die Zukunft bringt oder was die Zukunft bringen soll oder was sie bringen kann – als befände man sich in einer Art Limbo, also in einem Schwebezustand.

Es ist wieder einmal das Problem unserer Generation. Wir leben seit jeher nach dem Maßstab, wir könnten den Job unserer Träume an einem beneidenswerten Ort finden, ihn durch Work-Life-Balance mit einer romantischen Liebesbeziehung kombinieren und nebenher die Welt retten. Gleichzeitig ist ständig die Rede von „High Potentials“ oder „Overachievern“, den Leistungsträger*innen unserer Gesellschaft. Das setzt uns unter Druck. Es reicht eben doch nicht, uns nur selbst zu verwirklichen. Weiterlesen

Literatur: „Das wird nicht das Ende Amerikas sein.“

Steve Case bekam Lust an der Welt der Unternehmensgründer, bevor er ein Teenager war. Deshalb beginnt er sein Buch „Die dritte Welle“ mit dieser Geschichte von zwei hawaiianischen Jungen – er zehn, sein Bruder Dan elf – die den Traum hatten, erfolgreich zu sein. Tatsächlich wurde Case nur 22 Jahre nach dem Bauchladen-Verkauf von Hochzeits- und Geburtstagskarten der CEO von America Online, kurz: AOL – einer der erfolgreichsten Internetfirmen jemals.

Bis heute gibt Case nicht auf, als Internet-Pionier der ersten Stunde auf immer neuen Wellen des Internets mitzusurfen – inzwischen mehr als Investor und Regierungsberater denn als Unternehmer. Sein aktuelles Projekt: das Internet der Dinge zu durchschauen. In seinem neuen Buch versucht sich Case an einer Erklärung, die dritte Welle, so nennt er die aktuelle Phase des Internets, als Chance für Wirtschaft und Gesellschaft in den USA zu sehen. Nachdem sein AOL, Netscape und andere Firmen in der „ersten Welle“ das kommerzielle Internet etablierten, bauten Firmen wie Google oder Facebook in der „zweiten Welle“ Suchmaschinen und soziale Netzwerke, die eine Nutzung für jedermann ermöglichten.

In der „dritten Welle“ – dem Internet der Dinge – wähnt Case das Gesundheits-, das Bildungs- und das Ernährungssystem vor der digitalen Transformation. Er entwirft eine neue Welt, in der Smartphones Gerinnsel im Hirn feststellen oder die Anzeichen eines Herzinfarkts frühzeitig erkennen. Das Bildungssystem will er individueller und datenbasierter machen. Eltern sollen interaktiv in das Schulleben ihrer Kinder einbezogen werden – mit Hilfe von Apps und virtuellen schwarzen Brettern. Und das alles geht nur mit großen Datenmengen. Lebensmittel wie Fleisch könnten laut Case in Echtzeit überwacht werden, auf dem Weg vom Supermarkt bis hin zum eigenen Kühlschrank. Das ließe sich auf jede Art von Lebensmittelüberwachung übertragen. Wo viele Deutsche Fragen nach dem Schutz der in Umlauf gebrachten Daten stellen würde, sieht Case nur Chancen – solche Bedenken ignoriert er in der Regel.

Und das Internet der Dinge kommt nicht erst: Kühlschranke sind schon jetzt smart und erkennen, dass der Milchvorrat leer ist. Ganze Häuser sind vernetzt und merken über Sensoren, ob jemand zuhause ist. Sie fahren die Rollläden herunter und stellen Überwachungskamera und Alarmanlage scharf. Von den Chefs der großen Firmen fordert Case eine Disruption an sich selbst. Industrien dürften nicht länger annehmen, sie seien immun gegen technologische Veränderungen, sondern sollten langfristig nach Wegen suchen, die sie an diesen Veränderungen teilhaben lässt. Als Positivbeispiel nennt er die Erfindung von Apples iPhones: Damit hat das Unternehmen dem Verkauf des eigenen iPods immens geschadet.

Gewidmet hat Steve Case „Die dritte Welle“ aber keineswegs den Big Playern. Sondern Entrepreneuren, die ihn inspirieren und mit ihren Ideen die Welt verändern wollen. Für sie hat er vor allem einen Tipp: sich mit der US-Regierung gut zu stellen. Zum Einen müsste sich jeder Gründer in den USA bewusst sein, dass die Politik die nötigen Mittel hat, um Regeln und Vorschriften zu vermindern. Zum Anderen adressiert Case seine Vorschläge an die Regierung – für die er mehrere Jahre gearbeitet hat – indem er eine Lockerung des Einwanderungsgesetzes für Unternehmer – ein Vorhaben, das in der Regierung Trump wohl wenige Freunde finden wird.

Obwohl das Buch bereits vor der Wahl erschien, ist Case um sein Land, das er „das erfolgreichste Start-up der Weltgeschichte“ nennt, besorgt. Länder wie Deutschland oder Südkorea schienen für die dritte Welle besser vorbereitet zu sein als die USA. Das schreibt Case in dem Kapitel „Die Disruption Amerikas“. Die Koreaner investierten Milliarden-Beträge in Entrepreneurships und London sei führend im Bereich Crowdfunding. Deshalb macht Case sechs konkrete Vorschläge, um die Weltmachtstellung der USA zu halten: Unter anderem solle mehr Geld in Forschung gesteckt und die Talent- und Investorensuche erleichtert werden. Am Ende behält Case aber den Optimismus, den er wohl mit jedem erfolgreichen Unternehmer teilt: „Das wird nicht das Ende Amerikas sein.“

Literatur: Refugees welcome?

So lange wie das Burka-Verbot die innenpolitische Debatte in Deutschland schon bestimmt, muss man denken, der Vollschleier hätte die Schlaghose als Modesünde des Sommers 2016 abgelöst. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich kürzlich zum möglichen Burka-Verbot ein und meinte, eine voll verschleierte Frau hätte in Deutschland kaum eine Chance, sich zu integrieren. Burka gleich Integrationspleite. Ihr Innenminister, Thomas de Maizière, nannte das Tragen einer Burka oder eines Niqabs ein „Affront gegen die offene Gesellschaft und zudem frauenfeindlich“. Mit seinen Amtskollegen von CDU und CSU will er deshalb das Tragen einer Burka etwa am Steuer, bei Behördengängen oder in Universitäten verbieten. Mit nahezu der gleichen Dringlichkeit müsste man ein Flugverbot für Fernbusse diskutieren. Man mag sich nicht vorstellen, wenn ein voll besetzter Bus mit einer ebenso vollen Passagiermaschine zusammenstoßen würde. Nur, dass bisher eben keine fliegenden Busse gesichtet wurden – genauso wie in deutschen Standesämtern oder Hauptseminaren partout keine Burka-Trägerinnen auftauchen.

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Ein Tag Prokrastination

#Bachelorarbeit

Der Wecker stand auf 8.30 Uhr, wie an jedem Tag, an dem ich mir vornehme, an meiner Bachelorarbeit zu schreiben. Vorgenommen habe ich mir auch, wirklich um 8.30 Uhr aufzustehen. Heute Morgen sah das dann eher so aus: 8.30 Snooze, 8.37 Snooze, 8.50 Wecker 2 klingelt, 8.51 Wecker 1 Snooze, 8.57 Wecker 2 Snooze – 9 Uhr Wecker 1 aus, Wecker 2 aus. Aufstehen: 10 Uhr. Das hat gut geklappt, nicht.

Frühstückszeit war also um 11 Uhr, nach erstem Newsletter-Lesen und kurzer Aufräumaktion, auf die nach Kaffee und Brot eine längere Putzsession folgte. Dazwischen gab’s kurze Mail-Konversationen, die meisten privat motiviert.

Zum Putzen habe ich die ultimative Spotify-Playlist entdeckt, namens: Putzen. Also hab‘ ich den Lappen geschwungen und bin aus dem Bad zu Helene Fischer und Michael Jackson in die Küche getanzt. Toppen konnten das nur Meghan Trainor und der Pur-Party-Hitmix, da wurde sogar der Backofen sauber.

Weil mich nachts Kopfschmerzen geplagt hatten, dachte ich, es sei Zeit für Sport. Anschließend war es 15 Uhr. Es folgten ein kurzes Beauty-Programm (für Sport war schließlich eine Belohnung angebracht), Aufräumen vom Aufräumen, Paket zum nächsten Hermes-Shop bringen (die Mahnung von Zalando kam ja schon vor ein paar Tagen…) und tatsächlich: Wäsche waschen. Die Gegebenheiten, im vierten Stock zu wohnen und die Waschmaschine im Keller stehen zu haben, ignorierte ich heute ausnahmsweise. Einmal im Keller, konnte ich schnell noch vier Mülltüten für die Altkleidersammlung sortieren, die stehen da ja schon seit Monaten. Ein Plausch mit meiner Lieblingsnachbarin hat den Nachmittag prima abgerundet.

Nun saß ich um Sechs für höchstens eine Minute am Schreibtisch, als meine Mitbewohnerin+Freund nach Hause kamen und Essen machen wollten. Essen gehört zu den Grundbedürfnissen eines Menschen, also gab’s Happa Happa. Jetzt gucken wir Bachelor (versus Fußball) und ärgern uns über die Zicken (versus Zehner). Und die Wäsche muss auch noch hoch geholt werden… was für 1 erfolgreicher Tag.

#bpbisrael16: Besuch im Kibbutz

In ganz Israel gibt es rund 270 Kibbutzime. Als wir im Juni 2016 in Israel unterwegs waren, haben wir das Kibbutz Magen (Betonung auf dem e) besucht, das nur wenige Kilometer von Gaza entfernt ist. Sehr spannend war es dort zu sehen, wie die Besucher des Kibbutz‘ trotz der akuten Gefahren, die oft seitens der Terrorgruppe Hamas ausgehen, ihr Leben gestalten. Zwar haben sie an vielen Ecken kleine Betonhäuschen stehen, die vor Bombenangriffen schützen sollen, und einen Raum unter der Erde, in der sich in Krisensituationen die verantwortlichen Personen des Kibbutz‘ beraten – doch es gibt auch einen großen Swimmingpool, Sommerfeste & Co. Das Leben erscheint uns Besuchern, obwohl wir gerade erst den Blick auf Gaza Stadt verdaut haben, in Magen sehr lebenswert.

Der deutsche Leiter Danny Wieler hat uns eine Führung durch den Kibbutz gegeben und uns dabei erzählt, wie sich diese Form der Gemeinschaft entwickelt hat, zum Beispiel wie es mit der Ehe gehandhabt wird (Video).

Barta’a: Das geteilte Dorf in Limboland

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Der Blick auf Barta’a. Foto: Nina Niebergall

Da ist nur ein großer Stein an einem Kreisverkehr. Arabische Schriftzeichen und eine englische Übersetzung erklären: Hier verläuft die Grüne Linie. Kein weiteres Schild, keine Militärs. Grün ist nur das kleine Bäumchen auf dem Kreisverkehr. Seine Blätter sind vertrocknet, die Sonne scheint prall darauf. Es ist heiß an diesem Donnerstag, eigentlich ist es immer heiß.

Bergauf der Straße, die nach Ost-Barta’a führt, stauen sich die Autos, ihre Fahrer unterhalten sich mit ihren Hupen. Abgase vermischen sich mit den Gerüchen von Tabak und vertrocknetem Teer. Die Häuser, die mit maximal zwei Stockwerken die Straße säumen, sehen in den unteren Etagen aus wie Garagen. Die Tore stehen offen, heruntergekommene Läden finden darin ihren Platz. Stromkabel zieren die Auslage genauso wie allerlei Ramsch: Lichterketten, Flipflops, Fußbälle, Kinderspielzeug und Haushaltsgeräte: Es gibt hier nichts, was es in China nicht gibt.

Doch hinter der Szenerie aus Trödel und Staub versteckt sich ein Siebentausendseelendorf, das neben halb eingeschweißten Möbeln und Pistolen aus Plastik vor allem eins zeigt: die Folgen des Konflikts zwischen Israel und Palästina.

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Foto: Christian Vooren

Seit 67 Jahren existiert die Grüne Linie schon, die das 4,3 Quadratkilometer große Dorf zweigeteilt hat. Nach dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1949 wurde sie innerhalb der Friedensgespräche auf Rhodos festgelegt. Bis zum Sechstagekrieg 1967 war die Grenze nicht in praxi. Erst mit der Besetzung des Westjordanlands durch die Israelis wurde die Linie faktisch und das Dorf im Gebiet Wadi Aras zu zwei Dörfern.

Ob denen, die über den Verlauf der Grünen Linie entschieden haben, Barta’a egal war oder ob sie von dem kleinen Städtchen, deren Schicksal sie besiegelt hatten, nur nichts wussten, ist laut Lydia Aisenberg nicht geklärt. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Aisenberg, die vor 70 Jahren in Großbritannien geboren wurde, für das Seminarzentrum Givat Haviva. Das Zentrum setzt sich für jüdisch-arabisches Zusammenleben in Israel und dem Westjordanland ein.

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Im Gespräch mit Lydia Aisenberg. Foto: Nina Niebergall

Sie habe Freunde auf beiden Seiten, auf der israelischen und der palästinensischen Seite des Dorfes, erzählt sie. Bambi, der Fahrer, hat seinen Bus über die Route 65 gelenkt, die von Hedera nach Megiddo führt, Barta’a liegt 72 Kilometer nördlich von Tel Aviv. Je näher der Bus der Grünen Linie kommt, desto schlechter werden die Straßen und windschiefer die Häuser. Von geordneter, israelischer Bauart ist nichts mehr zu erkennen. Kurz vor der Grenze zu Barta’a reihen sich Hunderte kaputte Autos auf einer Art Parkplatz an- und aufeinander. Hier kommt niemand hin, der sich mit dem Nahost-Konflikt nicht selbst auseinander setzen will.

Seit Barta’a 1967 tatsächlich geteilt wurde und Israel die Kontrolle über das Westjordanland übernommen hatte, gibt es hier zwei Bürgermeister, zwei Behörden und zwei Schulen. In West-Barta’a bekamen die Menschen die israelische Staatsbürgerschaft, im östlichen Teil bekamen sie die jordanische Staatsbürgerschaft. Vor 150 Jahren hatte der Kabha-Klan Barta’a noch mitgegründet, plötzlich war die Familie getrennt. Und nicht nur das: Die einen waren Israelis, die anderen Jordanier.

Heute ist Riad Kabha Bürgermeister von West- und Ghassan Kabha Bürgermeister von Ost-Barta’a. Die Journalistin Agnes Fazekas schreibt in ihrem Buch „Insel ohne Wasser, Vogel ohne Flügel“, Ghassan Kabha sei eigentlich Leiter des Amtes für Jugend und Sport in Nablus, einer kleinen Stadt südlich im Westjordanland. Über seinem Schreibtisch hänge die palästinensische Flagge. In Riad Kabhas Büro stehe die israelische Flagge hinter der Tür. Er verwaltet laut Fazekas zwei Nachbardörfer in Israel.

Fazekas lebt in Tel Aviv, doch sie ist durch das ganze Westjordanland gereist, von Betlehem über Ramallah bis nach Barta’a. Sie habe die andere Seite kennenlernen wollen, die arabische Sicht. Zu Beginn ihres Buches schreibt sie, man könne die politische Betrachtung in Israel nie aus dem Alltag ausklammern.

Selbst der Kebab-Ladenbesitzer Sadah möchte über die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel sprechen. Seinen Laden findet man nur hundert Meter bergauf vom importierten Krempel. Schräg gegenüber stehen Käfige übereinander gestapelt am Straßenrand, Hühner und Hasen teilen sich den engen Platz. Hinter Metallstäben hocken eingepferchte weiße Vögel.

Sadah ist ein Freund von Lydia Aisenberg und wohnt in Ost-Barta’a. Er lächelt breit, aus seinem Laden duften frischer Kebab, gebackenes Brot und Gewürze um die Wette. Sadah würde lieber in West-Barta’a leben. Dort müsse er keine Angst haben, dass ihm oder seiner Familie etwas passiert. Das Leben ist im östlichen Teil des Dorfes sei gefährlich.

Er ist ein glücklich verheirateter Mittvierziger, hat zwei Kinder, einen gut laufenden Kebab-Laden und ein Auto. Doch würde er fliehen, wenn er könnte? Sadah guckt in den Himmel und sagt eher zu sich selbst: „Allah, ja.“ Wieder lächelt er. So paradox wie Sadah und seine Geschichte ist der Konflikt zwischen Palästina und Israel.

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Sadah. Foto: Chantal Schäfer

Bis zur ersten Intifada im Jahr 1987 hatten die meisten Palästinenser zwar widerwillig, aber friedlich in den besetzten Gebieten gelebt. Doch dann kam es zum Aufstand. Bis 1993 sind mehr als 1000 Menschen durch gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und der israelischen Armee getötet worden. Es kam zu geheimen Verhandlungen zwischen der Palästinensischen Autonomiebehörde PLO und Israel, bekannt unter dem Namen Osloer Friedensprozess.

Frieden gab es keinen. Während der zweiten Intifada, die von 2000 bis 2005 andauerte, kam es regelmäßig zu terroristischen Anschlägen, auch seitens der Hamas. Knapp 5000 Menschen dabei kamen ums Leben. Seitdem ist die Situation mehr als angespannt. Ein Ende der Besetzung ist nicht in Sicht.

Vor allem nicht im „Limboland“. So nennt Lydia Aisenberg den Teil zwischen der Grünen Linie und dem eigentlichen Grenzzaun, der 2003 vom israelischen Militär errichtet wurde. Entlang der Linie, die mitten durch das Dorf Barta’a führt, konnte es schließlich keinen meterhohen Zaun ziehen.

Die Familie Kabha, die im 19. Jahrhundert für Landwirtschaft und Viehzucht nach Barta’a gekommen ist, lebt nun im Westen sicher und ist sozialversichert; der im Osten wohnende Teil ist nicht versichert. Die in West-Barta’a lebenden Menschen können problemlos nach Ost-Barta’a laufen; anders herum geht das nicht.

Hier macht sich der Nahost-Konflikt schon in der Kindheit bemerkbar. Denn in West-Barta’a müssten die Kinder auf eine israelische Schule gehen. Aisenberg sagt, das komme für viele arabische Familien nicht in Frage. In den Schulen ist nämlich Hebräisch die Lehrsprache, zudem werden Jungen und Mädchen zusammen unterrichtet. Viele Kinder gingen deshalb aus dem westlichen Teil in Ost-Barta’a zur Schule.

Am Nachmittag, die Sonne wirft nun einen seitlichen Schatten auf das vertrocknete Bäumchen, das zwischen den Teilen des Dorfes steht, gehen Kinder nach Schulschluss nach Hause. Eine magere Katze mit grauem Fell beobachtet sie. Die Katze sitzt vor einer Garage, in der ein Araber Tabak verkauft. Davor steht ein weißer Plastikstuhl, verlassen. Das ist die Grenze zwischen West- und Ost-Barta’a.

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Ein- und Ausgang zu Barta’a. Foto: Sebastian Ehm